Vom Glück und Pech, eine Frau zu sein

In letzter Minute haben wir es geschafft, uns in gewohnter Dreierformation doch noch einmal zu treffen, um Geschenke auszutauschen und über das vergangene Jahr zu sprechen. Wir stehen am Weihnachtsmarkt, trinken weissen Glühwein und schauen eislaufenden Kindern zu. Beim Gedanken an roten Glühwein stehen unsere Augenlider auf Halbmast. Schlafen. Auf der Stelle. Augenringe to go. Obwohl unsere Leben unterschiedlicher nicht sein könnten, laufen wir Ende Jahr unisono auf Sparflamme. Defizite im Energiehaushalt. Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Leben. Unausgeschlafen drehen wir am Rad, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: Die kleine Tochter am Rockzipfel, Baulärm aus der Nachbarschaft, der Partner, die Arbeit, dann diese und jene Verpflichtung vor Weihnachten. Die eine hat das Gefühl zu kurz zu kommen und die andere steht als Mutter prinzipiell am Schluss der Warteschlange. Und wir haben noch etwas gemeinsam: Wir können alle nicht Nein sagen, obwohl jede einzelne von uns behauptet, es zu können. Klar, dass wir selber schuld sind, uns diese vielen kleinen Dinge aufzuhalsen, aber wir können es einfach nicht lassen. Manchmal versprechen wir uns sogar ein wenig Spass davon.

So werden fleissig Geschenke verpackt, Kundenbriefe geschrieben, Guetzli gebacken und Adventskalender gebastelt. Die Mikrowelle am Arbeitsplatz gereinigt, weil es sonst niemand tut. Die freiwillige Ämtli-Liste wird immer länger. Wir müssten es nicht tun, aber fühlen uns dafür verantwortlich. Wir fühlen uns generell für fast alles verantwortlich. Sogar dann, wenn es auf dem von uns organisierten Firmenausflug regnet oder ein wildfremdes Kind im Tram einen Tobsuchtanfall bekommt. Grenzenlose Empathie, Appelle an unsere Mutterinstinkte. Und dann ist da noch die Sache mit den Entschuldigungen. Bevor das Essen auf der Gabel landet, entschuldigen wir uns prophylaktisch bei den Gästen: „Sorry, das Hühnchen ist etwas vertrocknet, der Salat eventuell eine Spur versalzen“. Nächtelang lassen wir Filme vor unserem geistigen Auge Revue passieren und fragen uns, ob wir etwas Falsches gesagt oder getan haben. Ständig sind wir darauf bedacht, nett, rücksichtsvoll und sozialverträglich zu handeln. Niemanden vor den Kopf zu stossen und nicht egoistisch zu sein. Wir sind so erzogen worden. Wir verbiegen uns zur Brezel, wenn es das Leben erfordert; wir haben nicht umsonst einen weichen und dehnbaren Körper als Frau, aber wenn wir nicht aufpassen, werden wir auf unsere alten Tage zum steinharten Chräbbeli.

Streichen wir doch hin und wieder den Perfektionismus und setzen Pragmatismus an dessen Stelle. Fertigteige anstatt selbstgemachten. Nach den Feiertagen mit der Familie zum Ausgleich einen Tag allein im Bett mit einem Buch. Single Bells!

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Frohe, gesegnete und unperfekte Weihnachten. Das Beste kommt, wie wir alle wissen, meistens zum Schluss. Es gibt nämlich kein grösseres Glück, als eine Frau zu sein.

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6 Gedanken zu “Vom Glück und Pech, eine Frau zu sein

  1. Liebe Filomena, Deine Zeilen brachten mich zum schmunzeln, auch weil ich gerade noch einige Weihnachtskarten geschrieben habe, den Christbaum geschmückt und noch einige Geschenke zum einpacken habe… Und dabei dachte „nächstes Jahr lasse ich das Fest ins Wasser fallen“. Das sage ich mir zwar jedes Jahr! Und jetzt mit Kind kaum realisierbar…
    Fand unser Treffen wie immer eine Bereicherung und freu mich Euch im 2016 einmal mehr zu treffen!
    Geniesse Deine Festtage und Deinen Retreat!
    Es Herzumarmeli
    Serapisbey

    1. Liebe Serapisbey

      Ja, das war schön unser Treffen, obwohl wir so unausgeschlafen waren. Freue mich auf viele neuen Zusammenkünfte im 2016.
      Was sind wir nicht alle ungekrönte Weltmeisterinnen im noch schnell dies und das erledigen.
      Ganz herzlich, deine Filomena

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