Über das Küssen

Wir alle tun es, aber wir tun es viel zu wenig. Wenn wir küssen, dann tun wir Schweizer das sehr generös und verteilen unaufgefordert gleich drei an der Zahl. Rechts, links und wieder rechts. So kann aus einer Begrüssung dann schon mal ein peinlicher Moment entstehen, nämlich dann, wenn der Kussempfänger nur einen festen Händedruck erwartet hat. Wir sind in der Regel eben sehr gründliche und freundliche Menschen, wir Eidgenossen und die drei Küsse als Begrüssungsritual gehören zu unseren kulturellen Identität, wie das Sackmesser und das exakt tickende Uhrwerk an unserem Handgelenk. Für meine deutschen Leserinnen sei an dieser Stelle erwähnt, dass wir das Taschenmesser tatsächlich so nennen und «Sackmesser» kein obszöner Begriff ist.

Leidenschaftliche Küsse verteilen wir in der Regel nur im Einvernehmen an das Objekt unserer Begierde und das, wie gesagt, viel zu selten. Das gilt wohl für den Grossteil unserer gesamten Bevölkerung. Dabei hat das Küssen unzählige Vorteile. Je nach Leidenschaftlichkeit werden dafür bis zu 38 verschiedene Muskeln beansprucht, rund 6,4 Kalorien pro Minute verbraucht und die Glückshormone Serotonin, Adrenalin und Endorphine ausgeschüttet, was auch erklärt, warum Küssen mehr Spass macht als Joggen. Leider fühlen sich manche Küsse derart schlecht an, dass man sich sehnlichst wünscht, stattdessen beim Joggen zu sein. Bei meinem letzten schlechten Kuss lief im Hintergrund «All Of Me» von John Legend und alles woran ich denken konnte war, dass ich dieses wunderschöne Lied bis in alle Ewigkeit mit einem leidenschaftslosen Kuss in Erinnerung bringen werde. Ein Kuss wie eine Beleidigung. Meine persönlichen Engel weinen immer noch im Himmel, unterstrichen von traurigem Geigenspiel.

Beim Küssen gibt es diesen einen magischen Moment, bevor sich zwei Lippen zum allerersten Mal berühren. Der Kuss ist nur noch ein paar Herzschläge entfernt. Die Handflächen sind feucht und der Atem schnell. Dieser Moment ist heilig und kostbar, weil es ihn kein zweites Mal geben wird. In der Hitze des Gefechts und von der Leidenschaft überwältigt, können aus den ersten gefühlten Sekunden vor dem Kuss, Nanosekunden vor dem ersten Kuss werden. Überfallmässig geküsst. Da bleibt nicht mal Zeit zum Staunen, geschweige denn zum Lachen, weil da plötzlich eine bislang fremde Zunge im eigenen Mund steckt. Die Art und Weise, wie ein Mensch küsst, ist so individuell wie ein Fingerabdruck, auch wenn wir dazu neigen, die Küsser in verschiedene Kategorien zu zwängen. Da wäre zum Beispiel der Langsamküsser, der so langsam küsst, als wäre seine Zunge eine Schnecke. Der Scheibenwischer-Küsser: rechts-links-rechts-links. Der Sabberer, der Lippennager und der Waschmaschinen-Küsser: round and round it goes. Er schafft es auf einen Eintrag auf unserer mentalen Kussliste, aber der Zutritt zu unserem Herzen bleibt ihm verwehrt. Keine Fahrt auf der Achterbahn in Sicht. Das Karussell bleibt stehen. Der Karussellmann schliesst seine Pforten, packt traurig seinen Schlüsselbund ein und geht in Winterpause. Die Musik hat aufgehört zu spielen und Engel stecken Amors Pfeile zurück in den Köcher.

Die Kusstechnik als Ausdruck der Persönlichkeit ist so wenig veränderbar, wie der Klang einer Stimme. Wenn es matcht zwischen zwei Küssenden, hören sie den gleichen Takt. Tango oder Walzer, Hip Hop oder Soul. Sie bewegen sich synchron. In Zeitlupe oder im Eiltempo. In Einklang. Sie lassen sich fallen. Die Welt bleibt für einen Moment stehen und Engel singen.

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4 Gedanken zu “Über das Küssen

  1. „Ein Kuss ist eine Sache, für die es zwei Hände braucht“ – das sagte ein Mann (Mark Twain). Schade, ist er schon tot. Einen solchen Küsser hätte ich zu gerne kennengelernt … Danke für deinen witzigen, wahren Beitrag. Ich küsse dich!

  2. Yeaahh, schön wieder von dir zu lesen.
    Ja diese Küsser, da nützt auch der beste Kuss nichts, wenn die Person Mundgeruch hat, würg! Oder sichtbaren Zahnstein, Plaque usw. Ich weiss, ich weiss mein Beruf… Wenn ich Single wäre, wäre ich evtl. auch nicht so streng. Also liebe Mitleser immer schön Zähneputzen, „Zahnsidele“, die Zunge will auch gereinigt werden (Zungenschaber), da drücken wir evtl. noch ein Auge zu, wenn der Kuss nicht so perfekt ist, oder?

    1. Schön, dass du noch immer mitliest, obwohl meine Beiträge etwas rarer geworden sind. Ich danke dir für die Komplettierung, liebe Mare. Ohne Mundhygiene geht natürlich gar nichts. Ich glaube, dass Singles sogar noch kritischer sind mit der Bewertung des ersten Kusses, ganz im Sinne eines Versuches. The first kiss may be the last.

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