Smalltalk

PLÄDOYER FÜR DEN SMALLTALK

Der Smalltalk hat einen etwas harten Stand in unseren Breitengraden, ist aber viel besser als sein Ruf. Man wirft ihm Oberflächligkeit und Banalität vor. Ein unpersönlicher Langweiler soll er gar sein, dabei liegt die Natur des Smalltalks nun mal in seiner Leichtigkeit und Unverbindlichkeit. Gerade diese Eigenschaften machen ihn doch so angenehm. Ich mag ihn! Smalltalk ist eine kleine Wunderwaffe gegen Anonymität und wir sollten viel öfters von ihm Gebrauch machen, weil er so Vieles kann: Er kann als Eisbrecher fungieren und seine Kernbotschaft lautet: Hey, ich nehme dich wahr und interessiere mich für dich. Lass uns etwas plaudern und sehen, ob wir Gemeinsamkeiten haben.

Vielleicht ist der unsympathische Typ von nebenan nämlich gar nicht so arrogant, wie gemeinhin angenommen, sondern einfach nur unsicher. Das Beste am Smalltalk ist, dass er gut tut, in der Regel kurz ist und auch nicht besonders geistreich zu sein braucht. Der verbale Austausch kann zudem fast überall stattfinden. Ich lobe mir da die Amerikaner als absolute Meister im Smalltalk. Sie haben einen ziemlich entspannten Umgang mit diesem kleinen Gespräch. Sie quatschen dich in der Yogastunde, beim Händewaschen im Klo oder im Lift an, weil ihnen irgendetwas an dir gefällt oder sie einfach Lust haben, ein paar Worte zu wechseln. Ich finde das sehr erfrischend und belebend. Der Smalltalk bedingt im Grunde genommen nicht viel. Nettigkeit ist eine Voraussetzung und ein bisschen Mut, über seinen Schatten zu springen um jemanden anzusprechen. Make someone’s day! Ein Kompliment oder nette Bemerkung reicht vollkommen. Es wäre doch so einfach. Warum tun wir Schweizer uns so schwer damit? Da stehen wir beim Apéro und halten das Prosecco-Glas so verkrampft fest, als wäre es ein Skistock während eines Skirennens beim Firmenausflug und wechseln unser Gewicht vor lauter Unbehagen vom einen Fuss auf den anderen. Die Angst vor Gesprächslosigkeit lähmt unser Kommunikationszentrum vorübergehend und wir finden, abgesehen vom Wetter, keinen interessanteren Gesprächseinstieg. Lässt man die konfliktträchtigen Themen wie Sex, Religion, Politik und Lästereien aus, kann gar nicht so viel schiefgehen. Eloquent und locker Smalltalk zu betreiben, gehört zu den Soft Skills in unserer Gesellschaft. Also, lasst uns üben und mehr miteinander quatschen und unsere neurotischen Bedenken über Bord werfen, dass dies gleich als Anmache interpretiert werden könnte. Oberflächlich ist manchmal ganz angenehm und erinnert ihr euch daran, dass jeder Freundschaft vorab ein bisschen Geplauder vorausgegangen ist? Eben.

***

6 Gedanken zu “Smalltalk

  1. Ich gestehe: MIr ist Smalltalk ein Gräuel. Oder sagen wir mal so: Die klassischen Smalltalk-Umgebungen, die ich vor deinem Plädoyer kannte (Vernissagen und Konsorten) waren mir meistens zu intensiv für Smalltalk.
    Was ich hingegegen gut kann und gerne mache, ist, mit Menschen, die ich schon ein bisschen kenne, ein wenig plaudern. Verkäuferinnen, NachbarInnen etc. Aber ich gestehe, ein wenig komisch bin ich diesbezüglich schon. Ich habe sehr schnell das Gefühl, solches Kleingeschwätz sei vertan’ne Zeit. Obwohl … nach deinem echt guten Plädoyer bin ich mir da gar nicht mehr so sicher. Du siehst also, du hast mich schon fast überzeugt … 😉

    1. Sehr gut! Das freut mich 🙂 Ich habe herausgefunden, dass vor allem die Menschen, welche im Dienstleistungssektor arbeiten und immer freundlich zu sein brauchen, sehr Freude haben, wenn man auch mal umgekehrt nachfragt, wie es IHNEN so geht. Und beim zweiten Mal kennt man sie dann ja schon ein wenig.

  2. Liebe Filomena, Dein PLÄDOYER gefällt mir. Daumen hoch! Meine Mutter hat mir öfters gesagt, „am Stammtisch ist Religion und Politik tabu!“ Und Deine Ansicht „Sex und der Lästerei“ bereichern mein Bild – freu mich auf die nächsten Blogartikel.

  3. Im Smalltalk bin ich wahrlich kein Meister. Vor allem wenn mich das Gegenüber schon nach 10′ langweilt….
    Aber mit ein paar Gläsern Prosecco sind die 10′ schnell um oder meine Zunge und mein Gehirn sind so locker (oder betäubt), dass Samlltlak plötzlich Spass macht!

    1. 🙂 Guter Trick! Wenn das Gegenüber langweilig ist, darf man nach 30′ auch mal auf die Toilette und sich nachher einen anregenderen Gesprächspartner suchen, weil eine ganze Flasche Prosecco auch nicht immer eine Lösung ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.