November-Blues

Ein Teil meiner Filomena-Philosophie lautet, nur über die angenehmeren und positiveren Seitens des Lebens zu schreiben und höchstens hin und wieder leicht an der Oberfläche zu kratzen, damit der Lack etwas abbröckelt. Polarisieren anstatt politisieren und den Kulturpessimismus mit heiterem Optimismus ersetzen. Nicht über Dinge schreiben, von denen ich keine Ahnung habe, obwohl ich es gerne hätte. Aber gewisse Gemütszustände und Tatsachen lassen sich weder verdrängen noch verleugnen. Sie fühlen sich eklig, feucht und kalt an. Wie der November. Wenn ich an Novembertagen aus dem Haus stürze – regelmässig zu spät für meine Arbeit, immer leicht verschlafen, meist noch mit den Gedanken beim nächtlichen Traum – fühlt es sich so an, als würde ich mit Socken auf einen kalten und nassen Schwamm treten. Der Nebel dringt mir durch sämtliche Poren, kriecht bis zu meinen Knochen und legt sich dort nieder und drückt bleischwer auf mein Gemüt. Es soll Menschen geben, die diese Jahreszeit mögen. Wenn es vom Draussen wieder ins Drinnen geht, wo Innenräume beheizt sind und draussen der Fuchs ums Haus streicht und nachts Spinnen aus ihren Verstecken hervorkriechen. Nein, für mich hat diese Zeit nichts Mystisches. Gut möglich, dass dieser Monat tageweise sehr mild war und die Kraft der Sonnenstrahlen stärker als meine Abneigung gegen den 11. Monat des Jahres. Ich weiss mit Sicherheit, dass ich an jedem dieser Tage gearbeitet habe. Das Leben ist Woche für Woche an mir vorbeigezogen während ich meinen Kopf in der Arbeit vergraben habe. Meine Hände haben passende Kleider und Requisiten gesucht, meine Finger unermüdlich Mails getippt und an Kleidern herumgezupft, meine Augen haben in Windeseile Briefings gescannt und meine Beine haben mich leichtfüssig und schnell von Termin zu Termin getragen. Was nicht gepasst hat, wurde passend gemacht. Ich habe es geliebt. Ich laufe dann zur Höchstform auf und bin erstaunt darüber, dass meine Dienste phasenweise derart gefragt sind und meine Energiereserven schier endlos sind.

Kritisch wird es dummerweise ein jedes Mal beim Überqueren der Ziellinie und wenn das Ende des Tunnels nur noch die Sicht auf einen Berg schmutzige Kleider, ungeöffnete Briefe, gekritzelte Notizen und monströse Staubknäuel freigibt. Bei den trivialsten Alltagsaufgaben lässt mich mein heiliger Eifer plötzlich im Stich. Beim Anblick meines dreckigen Badezimmers möchte ich spontan eine Runde Flennen. Es ist so absurd, dass ich fast darüber lachen muss. Ich bin daheim und bewege mich rastlos wie ein Tiger in einem Käfig und fühle mich unwohl, egal in welchem Zimmer ich mich befinde. Meine Haut juckt wie verrückt, ich häute mich wie eine Schlange und keine Lotion hilft. Schalte das Radio an und wieder ab, weiss nicht was essen und wo ich anfangen soll mit Aufräumen. In grösserer Gesellschaft fühle ich mich einsam und deplatziert und wenn ich alleine bin, von der Welt verlassen, egal wie viele Freunde ich habe und wie viele Menschen mir wohlgesinnt sind. Ich weiss einfach grad nicht, was ich mit mir anfangen soll. Da ist nur noch grosse endlose Leere. Ich ziehe meine Jeans aus, krieche mitten am Tag unter die Bettdecke und merke, dass mich die Sonne nervt, nicht der Nebel. Ich lasse die Rolläden hinunter und geh schlafen. Winterschlaf. Bis in den Sommer hinein oder bis zum nächsten Auftragshoch.

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Beitragsbild: Derek Wong
Türkei, November 2014

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