Gone girl

Am Kiosk stehend und in der Kolonne mit einer SonntagsZeitung und einem Magnum bepackt wartend, schlägt mir folgende Schlagzeile eines Frauenmagazins in der vordersten Auslagereihe entgegen. Report: Ohjeh, „Gone Girl“ vermiest uns die Lust aufs Heiraten. Wirklich? So einfach lässt sich keine Frau von einem Lebensplan abbringen, den sie vermutlich seit den Kindheitstagen verfolgt. Ich kaufe das Frauenblatt natürlich auch noch und lese den Report über den Film als Erstes. Dort wird Gone Girl reisserisch als Sensationsthriller dessen Verfilmung zurzeit die ganze Welt gleichermassen fasziniert wie verstört, beschrieben. Ich habe Gone Girl diese Woche im Kino gesehen und fand den Film richtig gut. Er ist spannend und überraschend in der Inszenierung. Ein packender, leicht verstörender und bildgewaltiger Thriller, der Einblick in die Abgründe der menschlichen Psyche gewährt. Also eine perfekte Mischung. Ein bisschen Psychomaterial steckt schliesslich in allen von uns.

Gleich vorweg, ich versuche hier nicht die Filmkritikerin zu markieren und um den Kinobesuch nicht überflüssig zu machen, verrate ich nicht die ganze Geschichte. Nur ein paar Skizzen:

„Wer bist du? Woran denkst du? Fragt der Ehemann in der Anfangsszene mit der Hand über den Kopf seiner Ehefrau streichelnd zärtlich. Sie erwidert leise und lasziv: „Ich denke darüber nach, ihren Schädel einzuschlagen und ihr Gehirn zu sezieren, um eine Antwort auf die Frage zu finden: Was haben wir einander angetan?“ Und tatsächlich stellt man sich genau diese Frage während des Films immer wieder: Wie konnte es nur soweit kommen?

Ben Affleck in der Rolle des Ehemannes Nick Dunn spielt seinen Part brillant und ich könnte mir keine bessere Besetzung vorstellen. Ben Affleck der in seinem kastigen Körper irgendwie nicht daheim zu sein scheint und dessen Gesicht zu profillos wirkt, um einen bösen Charakter darzustellen, verkörpert den etwas belämmerten und betretenen Ehemann sehr überzeugend. Er ist attraktiv aber irgendetwas – ist es seine Kopfhaltung, sind es seine Schultern? – irgendetwas ist merkwürdig geraten und stimmt nicht in der Gesamtaussage seiner Physiognomie. Rosamunde Pike hingegen war mir immer zu perfekt, zu langweilig, zu symmetrisch und zu brav. Ein schöner Mensch, welcher bestimmt wohlbehütet und gutbürgerlich aufgewachsen ist und immer in der ersten Schulbankreihe gesessen hat. Eine Idealbesetzung der Janet die sie in Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ gespielt hat. Am Ende des Films ist man sich gewiss: Sie ist ideal besetzt in der Rolle der Ehefrau. Sie spielt die Amy, welche von den Eltern verhätschelt und verzogen wurde und dem Vater und der Mutter, einem Bestsellerautorenpaar, als Vorlage für ihre berühmten Kinderbuchserie „Amazing Amy“ herhalten musste, welche publikumswirksam vermarktet wurde.

Nick küsst Amy zum ersten Mal unter einer Puderzuckerwolke vor einer Bäckerei in der Morgendämmerung. Bevor er sie küsst, streicht er ihr langsam mit zwei Fingern den Puderzucker von ihren Lippen. Selbstredend, dass die Protagonisten eine Beziehung führen, die anfangs nur so brodelt vor Leidenschaft und Feuer. Quickies in der Bibliothek, erotische Liebesbotschaften und Schnitzeljagden zum Hochzeitstag. Als beide ihre Jobs als Journalisten in New York verlieren – man ahnt es – fängt die Ehe an zu kriseln. Schliesslich erkrankt Nicks Mutter an Krebs und das Paar zieht ins provinzielle Missouri, dem Heimatort von Nick, in ein zu grosses seelenloses Haus, das so aussieht als kämen sämtliche Einrichtungsgegenstände aus einem Katalog. Am Tag des 5. Hochzeitstages verschwindet Amy spurlos. Alles deutet darauf hin, dass sie entführt worden ist. In der Erzählperspektive von Nick neigt man dazu, dem Ehemann Sympathie entgegenzubringen obwohl er ebenfalls verdächtigt wird, sie entführt oder umgebracht zu haben. An der von Amys Eltern einberufenen Pressekonferenz treten leicht soziopathische Eigenschaften von Nick zutage – oder ist es nur seine Unbeholfenheit? – und er wird schlussendlich Opfer eines hässlichen Medienmobs.

Nach und nach tauchen Tagebucheinträge von Amy auf, welche ihren Mann als gewalttätig und niederträchtig beschreibt und so sukzessiv Zweifel an der Unschuld ihres Mannes streut. Die Erzählperspektive aus Amys Sicht bringt die ganze Tragik der Situation ans Licht und an diesem Punkt wird es richtig spannend. Man taucht in die abstruse Gefühlswelt von Amy ein. Der Seitensprung ihres Mannes wird aufgedeckt. (Sie entdeckt die junge Studentin und ihren Mann vor seiner Bar, es schneit und er streicht seiner Geliebten mit derselben zärtlichen Geste über die Lippen bevor er sie küsst.) Amy meint zu der jungen Frau lapidar: „She, with the gigantic come on me tits“.

Man wird plötzlich Teil von Amys Welt: Ihrer Gerissenheit, ihrem Narzissmus, ihrer Rachsucht und ihrem perfiden Geltungsdrang. Stellenweise mag man sie, weil man sie versteht und lückenweise ihre gepflegte Kontrolliertheit in grenzenlosen Wahn umschlägt. Und dann, am Schlussâ… Seht selbst. Die Moral von der Geschicht: Stolz und Liebe vertragen sich nicht. Und die beiden, so meint David Fincher, die beiden haben sich wirklich verdient.

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Gone Girl US-amerikanisches Krimidrama von David Fincher, 2014
(Seven, Fightclub, Panic Room, The Social Network, The Girl with the Dragon Tattoo)

3 Gedanken zu “Gone girl

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