Auf der grössten Insel Nordafrikas

In der Hoffnung den Sommer um ein paar wenige sonnenreiche Tage zu verlängern, sitzt man als Tourist AI, All Inclusive, mitten im Herbst im Flugzeug gen Süden und ist wenig desillusioniert aber im Stillen beschämt, dass man als solcher auf Djerba in der Zone Touristique landet. La Zone Touristique ist in Djerba eine Adresse und Hotels findet man ausschliesslich dort. Ich habe das so gewollt. Meine Auswahlkriterien für einen Kurzurlaub waren entsprechend simpel: 27 Grad durchschnittliche Tagestemperatur im Oktober, grosser Pool, Hotel direkt am Meer und die Bilder der Hotelanlage versprachen mir mit der stilvollen arabischen Architektur das Flair von milles et une nuit. Als mich der Bus bei der dritten und schönsten Anlage ausspuckt und ich vom Eingang das Meer sehe und die Wellen an die Bucht schlagen höre, denke ich mir, dass ich alles richtig gemacht habe. Je suis in love.

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Meine Haut sehnt sich unendlich nach Sonne. Ich schlafe am Pool als Neuankömmling unter den Argus-Augen von  bereits dunkelgebräunten Touristen und Animateuren ein, welche ein T-Shirt mit der Aufschrift I love my job tragen und werde von Animationsparolen und Musik geweckt: „Allez-y! Zumba!“ Natürlich. Hier gibt es Animation. Direkt am Pool. Da muss ich durch. Ich werde es schaffen, 5 Tage unbehelligt davonzukommen und die gutgemeinten Einladungen zu Zumba, Aquafit, Powerstep etc. mit der Ausrede in den Wind zu schlagen, dass ich die diversen Sportaktivitäten avec mes yeux partizipiere und ich jeden Tag nach dem Frühstück einen gefühlten Kilometer im riesigen Pool schwimme, was sogar stimmt. Meine Zehen wippen im Takt der Musik und mittags kehrt wohltuende Ruhe ein. Am Meer nichts als Wellenrauschen und Wind der mit meinen Haaren spielt und Buchseiten umblättert. Ich esse draussen auf dem Balkon mit Sicht auf das Meer. Das Essen tut meiner Seele gut und ich fühle mich wie im Paradies. Das Buffet lockt mit mediterranem und nordafrikanischem Essen wie Couscous, Tagine, Harissa, frischen Datteln, Granatapfelkernen, Halva, frischem Fisch. Pizza und Pasta gibt es für alle, die auch in den Ferien nur das essen, was sie kennen und das tun sie überall auf der Welt. Mit derselben Beharrlichkeit tragen sie im Restaurant auch kurze Hosen und mittags ein Strandshirt mit Batikmuster vom letzten Aufenthalt in Irgendwo über den Badehosen. Aber es ist hier im Resort wenigstens die Minderheit.

Die Strandverkäufer werden geduldet, aber sie dürfen nicht bis zu unseren Liegestühlen vordringen. Am Strand und vor den Eingängen hält Tag und Nacht Security Wache. Tuniesien leidet noch immer stark unter dem schrecklichen Anschlag von Port El-Kantaoui nahe von Sousse im Juni diesen Jahres. 39 Touristen kamen bei dem Anschlag ums Leben, weitere 39 Personen wurden schwer verletzt, darunter auch tunesisches Hotelpersonal, welches eine Menschenkette gebildet hat, um den Attenäter von den Touristen fernzuhalten. Das Ausbleiben der Touristen hat verheerende wirtschaftliche Folgen für das Land.

Am Strand meldet sich unerwartet meine erste grosse Liebe zurück und erweckt eine ungeahnte Sehnsucht nach Freiheit in mir. Ich kann die Augen nicht mehr von den wunderschönen Berber- und Araberpferden lassen, welche am Strand vorbeireiten oder dort stundenlang in der brütenden Hitze ausharren müssen, um ausgeritten zu werden. Ungeachtet des machohaften Auftretens des Chevaliers ist es um mich geschehen, als ich den Duft der Pferde aufsauge und über die samtweichen Nüstern der Pferde fahre. Ich werde reiten gehen und mache eine Zeit mit dem jungen Pferdemann aus, welcher nicht für das Hotel arbeitet, was für mich zur Folge hat, dass der hotelinterne schleimige Pferdeflüsterer plötzlich aufhört nett zu sein und mir eindringlich ans Herz legt, wie ‚gefährlich‘ diese Ausritte sind. Meine letzten Zweifel sind nach den ersten Minuten auf dem Rücken meines Pferdes namens Turbo, dem Sonnenuntergang entgegenreitend, verflogen und der Pferdebesitzer verhält sich schlussendlich sehr professionell und lässt das prophezeite Anbaggern bleiben. Mit dem Reiten und Fahrradfahren verhält es sich ganz ähnlich. Man verlernt es tatsächlich nicht, aber es melden sich danach unbenützte Muskeln an den Oberschenkeln und Waden zurück und ich habe vergessen, wie schnell sich so ein Galopp anfühlt. Nach dem ersten Ausritt knicken beinahe meine Beine ein, als ich vom Pferd steige.

Mit dem dreieinhalbstündigen Ausritt in die blaue Lagune verlasse ich die Touristenzone und als wir ins Landesinnere stossen, überkommt mich eine unglaubliche Ruhe und Glückseligkeit. Weg von den künstlichen Hotelanlagen, rein in die absolute Stille und Schönheit des kargen Hinterlandes. Wir reiten wortlos an Kakteenhecken, Dattel-, Oliven- und Mandelbäumen vorbei. Ziehen auf Sandwegen durch Palmenhaine, gesäumt von den einfachen kubischen weissen Häusern aus Kalkstein. Ich sehe spielenden Kindern und Frauen, mit den für die Gegend typischen breitkrempigen Strohhüten und gestreiften Baumwolltüchern nach, und freue mich, das andere Djerba zu sehen. Die unverfälschte Naturschönheit Djerba. Ich bin angekommen. Bei mir selbst, beim Reisen und in der arabischen Welt, die ich vermisst habe, ohne es zu wissen. Ein sanfter Wiedereinstieg in den faszinierenden Orient, auch wenn es natürlich nur ein harmloser Abstecher ist.

Ich habe mich mit zwei, ein paar Jahren älteren weitgereisten Schweizerinnen angefreundet. Sie werden im Laufe der Woche meine unaufdringlichen Tisch- und manchmal auch Lästergenossinnen, mit welchen ich mich nie verabreden muss, weil wir uns immer wieder über den Weg laufen. Ich kann mich ein wenig hinter ihrem Rücken verschanzen und sie als Alibi brauchen, wenn ich vom Personal zu einem Café oder zum Shisharauchen le soir eingeladen werde. Sie probieren es alle irgendwann einmal, zumal sich die wenigen jüngeren Gäste deren ganzer Aufmerksamkeit sicher sein können. Man kann es ihnen nicht verüblen. Afrika gilt bekanntlich als der Kontinent für einsame Frauenherzen, speziell für ältere Frauen. Wir haben ein paar Beispiele davon im Hotel. Mein Herz ist nicht einsam. Ganz im Gegenteil. Die Kontakte zu den Tunesiern sind erheiternd und unbeschwert, aber vermultich nur solange, bis man sich ernsthaft auf die Flirtattacken einlässt. Wir werden am Ende der Woche am Tisch mit Rosenblättern und einem Lächeln erwartet und die berühmte arabische Herzlichkeit von dem einen jungen Kellner scheint echt zu sein und berührt mein distanzierteres nordeuropäisches Herz am Schluss doch ein wenig.

Wer in Tunesien nicht in einem Hamam oder einem Souk, einem Markt in der Medina, der Altstadt, war, hat einen essentiellen Teil der arabischen Kultur versäumt. Ein guter Tourist lässt sich beim Feilschen über’s Ohr hauen und wir waren sehr gute Touristen. Die Touranbieter locken nicht umsonst in unzählige Töpfer-, Teppich- und Schmuckshops um Kommission abzukassieren und dies mit gutem Grund meist zu Beginn der Reise. Wer es schafft, auf organisierten Touren die Preise in den Läden bis zu 70% runterzuhandeln, zahlt immer noch mehr als die Hälfte zu viel. Djerba ist die einzige mir bekannte Destination, wo man Souvenirs am günstigsten am Flughafen oder in Shops rund um die Hotelanlagen findet und es wird überall dieselbe Ware feil geboten. Eine Fahrt mit dem Taxi nach Houmet Souk, der Hauptstadt von Djerba, kostet ca. 7 Diran, CHF 3.50 und ist sehr zu empfehlen, zumal es lustiger ist, genug Zeit auf dem Souk zu haben. Wir, les trois Suisses, mussten unsere Mission Datteln zu finden, innerhalb von 10 Minuten erfüllen und haben dies nur mit Hilfe von Moustapha, einem alten Tunesier mit perfektem Bernerdialekt geschafft und sind zufrieden lächelnd und verschwitzt mit einem Kilo Datteln unter dem Arm in den Bus zurückgekehrt.

Ich beende meinen Aufenthalt in Tunesien mit einem sehr frühen Frühstück um 03:00 Uhr morgens, ohne vorher eine Minute geschlafen zu haben. Glücklich, bereichert, lachend, müde. Hinter mir habe ich schlussendlich doch noch eine Lektion Zumba am Pool (man darf sich am letzten Tag aus Mitleid mit dem Animateur durchaus einmal zum Affen machen), zwei Clubtänzen, erstaunlich guten Shows im Rahmen eines Abendprogramms und einer letzten Begegnung mit einem Mitarbeiter der Sicherheitsfirma. Wir stehen vor dem Eingang des Restaurants, umhüllt vom Dunkel der Nacht, als sich der ältere Herr mit der Kapuze über dem Kopf vorsichtig zu erkennen gibt, damit wir nicht erschrecken. Er hat die 12-Stundenschicht von 19:00 Uhr bis 07:00 Uhr. Er hat schlechte Zähne und ein von Falten gezeichnetes Gesicht. Wie fast alle Einheimischen auf der Insel, die mit Touristen zu tun haben, spricht er erstaunlich gut deutsch. Er lächelt müde und freut sich über das Trinkgeld, das er sonst nie bekommt, weil er im Verborgenen arbeitet, dann wenn die Gäste, vom Nichtstun ermattet, in ihren Betten schlafen und sich auf den nächsten Sonnenaufgang freuen und im Geiste bereits ihren Liegestuhl reservieren. Wir müssen beim Frühstück noch immer an ihn denken und wenn ich mich konzentriere, sehe ich ihn auch jetzt noch vor mir. Wenn ich die Augen schliesse, kann ich das Meer hören und es wird es nicht mehr allzulange dauern, bis ich dieses einfältige Clublied endlich vergessen habe. Fast schade.

Hotel: Sentido Djerba Beach Resort, Djerba.

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Aslema habibi, chèr Djerba
Inshalla

 

2 Gedanken zu “Auf der grössten Insel Nordafrikas

  1. Gute Landung daheim und gutes Nachwirken!

    (Ich habe das Mailabo gelöscht, weil der WordPressreader inzwischen dein Blog zuverlässig anzeigt).

    Schön, deine Bilder! Das klingt nach erholsamen Tagen.

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