Die Chefin

Sie soll sich doch jetzt, bitteschön, endlich adäquate Kleidung überziehen und in ihren wohlverdienten Ruhestand treten. Die Frau ist 56 Jahre alt und die Presse wird nicht müde, uns diese erschütternde Tatsache unter die Nase zu reiben, sobald die Rede von Madonna, der „Pop-Oma“, ist. Dass sich The Queen of Pop von niemandem belehren lässt und demnächst nicht mit Rollkragenpullover und einem knielangen Faltenjupe bekleidet, wie es sich in ihrem Alter doch gehören würde, abdankt, hat es während Madonnas mehr als 30-jähriger fortwährender Karriere geschafft, ihre Kernbotschaft schlicht zu überhören: Bitch, I’m Madonna und I’m gonna carry on. Letzteres hat sie bei den Brit Awards 2015 unbeirrt ins Mikrofon gesungen, nachdem sie vor der halben Welt auf ihren Allerwertesten gestürzt ist, weil sich ihr Armani-Cape nicht rechtzeitig gelöst hat. Schockierend ist dieses Malheur nur dann, wenn als Erstes an die Gefahren von Osteoporose gedacht wird.

Diese Frau hat es nicht einfach. Aber ein Easy Ride ist nicht das, was sie in ihrem Leben angestrebt hat. Ihr erklärtes Ziel war es, erst dann aufzuhören, wenn sie gleich bekannt ist wie Gott. Ja, solche Aussagen taugen nicht dazu um als Sympathieträger auserkoren zu werden. Mangelnde Sympathie wirft man ihren ebenso alternden Berufskollegen deshalb aber nicht vor. Ist Mick Jagger mit seinem Brautmaulfrosch-Mund sympathischer und weshalb durfte Iggy Pop ungestraft seinen ausgemergelten Schildkrötenhals-Oberkörper bis zum Umfallen verrenken? Man muss Madonna und ihre seichten Popsongs nicht mögen, aber – Ehre wem Ehre gebührt –  wir verdanken der als Madonna Louise Ciccone geborenen Künstlerin, den Popfeminismus, bis ins letzte Detail inszenierte, stilprägende Videoclips und Bühnenshows und die Tatsache, dass sie als einzige unserer Heldinnen aus den 80er Jahren als Gesamtkunstwerk überlebt hat.

Madonna steht, abgesehen vom Jugendlichkeitswahn, welcher ihr ebenso hartnäckig vorgeworfen wird, wie ihr Alter und ihre schlechte Stimme, für eine immense Willensstärke und eine Vielzahl von Bewegungen:

Madonna Schwarzenegger Wer sich solche Bizeps- und Oberschenkelmuskeln antrainiert hat, darf meinetwegen noch mit 90 in Hotpants und Corsagen rumlaufen. Hasta la vista, baby!

Ms. Fitness Forever Während das 157 cm kleine Energiebündel unermüdlich tanzt, springt und gleichzeitig singt, verbleibt unsereins mit Schnappatmung nach ein paar Freudesprüngen ermattet am Bühnenrand stehen.

Wer hat’s erfunden? Logo. Madonna! Was sie trägt, wird zum Trend. Kruzifixe mit Netzstrumpfhosen, Spitz-BH’s von J.P. Gaultier, Ethno-Tattoos, aufgeschlitzte T-Shirts, Geisha-Look. Die Liste ist schier endlos.

Das Mittelfingerzeige-Syndrom Sexualität und weibliche Politik. Sie vereint beides und zeigt allen, die provoziert werden wollen, den Stinkefinger. (Auszug aus ihrem neuesten Album Rebel Heart: Jesus loves my pussy best.)

The Queen of Reinvention Ihre permanente Neuerfindung sorgt bei ihren halb so alten Mitstreiterinnen für Sorgenfalten. Da müssen Fleischkostüme und Abrissbirnen her, um etwas zu finden, was die Königin nicht vor 20 Jahren bereits gezeigt hat.

Feminismus und Sexualität Kalkül und Provokation. Toyboy-Gürtel, Selbstbefriedigung auf der Bühne und Zungenküsse mit Britney Spears und Christina Aguilera während eines Live-Acts. Hat sie laut gelacht oder müde gelächelt als Katy Perry mit I Kissed a Girl für Furore sorgen wollte?

«50 Shades of Grey» Wir schrieben das Jahr 1994 als Madonna im Lack- und Lederkostüm in Human Nature ihre Peitsche gezückt hat. Und 2015? «Fifty Shades of Gähn»!

Pro Homo- und Bisexualität Sie kämpft seit Anbeginn ihrer Karriere für eine Gleichstellung von Homo- und Bisexuellen. Ihre ersten Auftritte hatte sie in Schwulenclubs und ihre Kostüme dürften vielen Dragqueens heute noch als Vorlage dienen.

Gott, Katholizismus und die Kabbala Nicht nur Lust, Begehren, Macht und Liebe, auch die Auseinandersetzung mit dem Katholizismus, der Bibel und der Kabbala, sind ihre Hauptmotive und omnipräsent in ihren Liedtexten.

Mr. Madonna Sie ist Herr und Frau Madonna in einem. Sie räumt mit gängigen Rollenklischees auf und nennt sich auch mal Guy (Typ).

Femme Fatal Lasziv und provokativ. Verrucht aber trotzdem nie billig. Sie beherrscht die Kunst der Verführung und die Inszenierung als sexuelles selbstbestimmtes Subjekt, nicht Objekt. Marilyn Monroe durfte dümmlich Happy Birthday Mr. President singen und uns bis in alle Ewigkeit als die Frau im weissen Kleid über einem Luftschacht in Erinnerung bleiben. So etwas wird Madonna nie passieren.

Madonna ist und bleibt die Chefin ihres eigenen Imperiums und sie wird uns noch lange singend und tanzend daran teilhaben lassen, ob wir das nun wollen oder nicht. Sie steht sinnbildlich für ein selbstbestimmtes Leben einer Frau in den besten Jahren und erinnert uns daran, dass wir zwar älter, aber nicht zwingend alt werden. Jugendlichkeit lässt sich nicht anoperieren und Energie mit einem Tee trinken. Man spürt sie. Sie ist alterslos und geschlechtsneutral. Ich zücke meinen Hut, Mr. Madonna.

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Rebel Heart
13. Studioalbum, 19 Tracks

2 Gedanken zu “Die Chefin

  1. Genau .. das musste mal gesagt werden, obwohl ich mit ihrer Musik – mit wenigen Ausnahmen – nie viel anfangen konnte (kenne aber auch längst nicht alles, zugegeben).
    Sie lebt vor, wie man sein Ding machen kann … und ich mag ihren Mut.
    Danke für den tollen Text!

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar, Denise. Ich finde die gute Frau verdient ein Feedback. Viele ihrer besten Songs werden leider gar nicht erst im Radio gespielt, weil sie wohl zu wenig Mainstream sind. Sie macht wunderschöne Balladen.

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