Das Recht Single zu sein

Das peinlichste am Single-Dasein ist das Fremdschämen. Singles schämen sich für die gedankenlosen und ach so gutgemeinten Ratschläge ihrer Mitmenschen, ganz zu schweigen von den miserablen Verkupplungsversuchen, die ungefragt unternommen werden, damit der Topf, der schon viel zu lange unbenutzt und staubig in einer Ecke steht, nun endlich einen Deckel finden möge. Irgendeinen Deckel. Hauptsache er hat zwei Arme, zwei Beine und ein funktionierendes Geschlechtsteil. Ein Hirn wäre auch nicht schlecht. Notfalls geht es auch ohne das Geschlechtsteil, sofern sich der Topf nicht mehr im gebärfähigen Alter befindet und die Reproduktion bereits abgeschlossen ist. Kann das denn so schwierig sein?

Liierte Menschen – ob glücklich verbändelt oder nicht, sei dahingestellt – gehen grundsätzlich davon aus, dass einem Single etwas fehlt. Die bessere Hälfte, die Schulter zum Anlehnen oder der Typ, welcher widerwillig den Müll runterträgt. Singles haben ein gravierendes Manko, welches es auf der Stelle zu beheben gilt, auch wenn sie das selbst (noch) nicht wollen. Single ist man nicht, sondern man wird es, und wer es ist, ist selber schuld. Es spielt auch keine Rolle, ob dieses Single-Dasein gewollt oder verhasst ist. Einem rundum zufriedenen Single wird unterstellt, der Fuchs zu sein, der die Trauben nicht erreicht hat und vorgibt, dass er die Trauben gar nicht wollte, weil sie ihm noch nicht reif genug waren und einem Single, der unter seinem Alleinsein leidet, wird geraten, etwas dagegen zu tun. Sexy Kleidung zu tragen oder die Ansprüche etwas runterzuschrauben. Man muss dem Glück und dem Zufall halt ein wenig auf die Sprünge helfen! Wozu Romantik, wenn die digitale Partnersuche mit einem Akademiker oder einem Single mit Niveau belohnt wird?

Wer Single ist, leidet mit grosser Wahrscheinlichkeit weniger an der Tatsache, dass er gerade solo unterwegs ist und einen Einzelzimmerzuschlag zu entrichten hat, sondern an der Einstellung seiner Mitmenschen. Er/sie hat gelernt, cool zu bleiben, wenn sein Äusseres mit Blicken taxiert und er mit Sätzen wie diesen konfrontiert wird: „Ich kann gar nicht verstehen, wie jemand wie du noch Single sein kann“. Eine Kollegin von mir brachte die ganze Thematik kürzlich auf den Punkt: „Es braucht Mut Single zu sein“. Finde ich auch. Es braucht Eier, auf das ganze Wohlfühlpaket mit Kuscheldecke, geschmücktem Weihnachtsbaum und Konfettiregen zu verzichten und sich der unbequemen Frage zu stellen, ob man es auf die Dauer fertig bringt, sich selbst immer genug zu sein. Ein glücklicher Single gibt seinen Status übrigens höchst ungern auf. Er vereint die bessere und die schlechtere Hälfte bereits in sich. Er ist sich Yin und Yang genug. Er könnte jederzeit in einen Club gehen und einer wildfremden Person die Zunge bis zum Halszäpfchen in den Rachen stecken. Nicht, dass er das dann auch tut. Aber der Single könnte. Er darf solange auf der grünen Wiese spielen, bis der kleine Peter Pan ihn im müde wird. Manchmal kann er sich einfach nicht für eine einzige Person entscheiden, weil er davon überzeugt ist, dass es nicht nur die eine richtige Person gibt, sondern es da draussen zig Matches gibt. Singles können ausserdem zwischen Sex und Liebe unterscheiden und werden deshalb gerne bei Liebeskummer konsultiert, weil sie einen Grossteil ihres Lebens mit Ausprobieren verbracht haben.
Trial and Error.

Von einem bei sich selbst angekommenen Single könnte man lernen, dass er sein Befinden und sein Glück nicht vom Vorhandensein eines Partners abhängig macht. Der Single der sein Herz aus Angst vor Schmerz verschlossen hat, könnte ein wenig Verständnis brauchen. Er ist schliesslich auch nur ein Mensch, der Single.

Im Namen mancher Hardcore-Singles, Dauer-Singles, Frisch-Singles,
Langzeit-Singles, suchenden Singles oder nicht suchenden Singles,
Singles wider Willen und am allermeisten für alle Single Moms.

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Try a little Happiness instead

6 Gedanken zu “Das Recht Single zu sein

  1. Ein sehr lebensweiser, sehr kluger, sehr feinsinniger und herzlicher Text!
    Ich gehöre wohl zu jenen selten vorkommenden Verbändelten, die sich anmaßen, zu wissen, dass Singlesein eine sehr kostbare Lebensweise ist.
    Go on!

  2. Danke für diesen grandiosen und total treffenden Bericht, du hast die Tragikkomödie des in der Gesellschaft nur schwer akzeptierten Single-Status super und mit viel Humor beleuchtet. Lang lebe unser Singleleben, denn es ist gut so wie es ist – sogar sehr gut 🙂

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