Das Fremdgänger-Gen

Eine Sendung auf SRF3 hat das Thema, bei dem wir gerne Ohren und Augen verschliessen, weil es nur die Anderen betrifft, vor ein paar Wochen aufs Tapet gebracht: Das Fremdgehen. Die Genvariante DRD4 soll dafür verantwortlich sein, dass jener Genotyp mit doppelt so grosser Wahrscheinlichkeit fremdgeht und dies meist seriell. Zu diesem Schluss kommt zumindest ein Forschungsprojekt der New York State University. Eben. Irgendwer oder irgendwas muss doch schuld sein. Es ist namentlich der oder das DRD4! D steht für Dopamin und R für Rezeptor. Die besagte Genvariante beeinflusst den Level des Dopamins im Gehirn. Dopamin ist ein Neurotransmitter und wird im Volksmund auch als Glückshormon bezeichnet. Der Rausch, der das Fremdgehen oder vermutlich auch der Liebestaumel bei diesen Genträgern verursachen soll, hat in etwa dieselbe Wirkung wie das willentliche Überschreiten des Tempolimits oder der Alkoholkonsum bei alkoholsüchtigen Menschen. Wäre es da nicht naheliegender diese Genvariante als Sucht-Gen zu bezeichnen?

Ich stelle es mir im Alltag praktisch vor, den attestierten Gencocktail DRD4 für ausserpartnerschaftlichen Sex als Ausrede vorschieben zu können: „Liebling, ich gehe dann mal zur Nachbarin Luginbühl um ihre Blumen zu giessen, zu kopulieren, zu koitieren, zu pimpern.“ „Prima! Dann wünsche ich dir viel Spass und grüsse mir Frau Luginbühl. Ich gehe derweil zu meinem Yogalehrer um etwas Blockflöte zu spielen.“ Fremdgehen läuft aber nicht so ab. Fremdgehen ist verboten und wird tabuisiert und findet im Verborgenen statt. In einem Hotel auf zerwühlten und verschwitzen Bettlaken. In den Ferien am Strand, weil Gelegenheit Liebe macht oder einfacher gesagt, manchmal Sex ergibt. Fragt man die stigmatisierten Fremdgeher wie es dazu kommen konnte, wird oft angegeben, dass es ihnen einfach so passiert sei, quasi in „den Schoss gefallen ist“ und dass es „nur Sex“ war.

Die Untreue ist der verbotene Apfel im Garten der Ehe oder einer Beziehung.

Wenn man Statistiken Glauben schenken kann, beisst jeder zweite Mann irgendwann in den verbotenen Apfel und wer jetzt annimmt, dass die Frauen diesbezüglich viel besser dastehen, täuscht sich. Man denke an die vielen Kuckuckskinder und die Tatsache, dass es nun mal zwei zum Tango braucht. Bei den Frauen gab jede dritte Frau an, bereits einmal fremdgegangen zu sein, wobei anzunehmen ist, dass auch dies eine Dunkelziffer ist um die Tatsachen etwas zu beschönigen.

Dem sei aber nicht genug: Ganze 70% der Schweizer und Schweizerinnen gaben Preis, dass sie gerne ausserehelichen Sex hätten, sofern sich eine Gelegenheit dazu ergäbe. Experten schätzen sogar, dass rund 90% der Männer und 75% der Frauen im Laufe ihres Lebens einmal fremdgehen. Quelle: Zeit Online.

In Anbetracht dieser Zahlen mag man sich fragen, ob Treue nichts als eine schöne Wunschvorstellung ist und die Monogamie eine Lüge. Ist der Mensch von Natur aus polygam? Gehen treue Partner nicht fremd, weil sie Angst vor den verheerenden Konsequenzen haben oder tun sie es aus tiefster Überzeugung? Dient eine Affäre allenfalls nur dem Zweck aufkeimende Selbstzweifel im Keim zu ersticken, weil man seiner Attraktivität wegen begehrt wird? Und wo beginnt die Untreue? In einer Beziehung darüber zu reden lohnt sich, auch im Bewusstsein, dass einige Fragen ungeklärt bleiben können und sich die Theorie nicht immer mit der Praxis vereinbaren lässt.

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3 Gedanken zu “Das Fremdgänger-Gen

  1. Ich bin davon überzeugt, dass der Mensch von Natur aus NICHT monogam ist. Monogamie ist eine Entscheidung.
    Wie du plädiere ich für eine offene Gesprächshaltung, für Vertrauen, für Klarheit … Verbotenes ist attraktiver als erlaubtes – geht mir durch den Kopf, und: je tabu desto spannender.
    Schön, dass du das Thema aufgreifst … ich finde es wichtig, dass man sich in einer Beziehung nicht scheut, solche heiklen Themen zu reflektieren.

  2. Dann wird sich das in 10 Jahren so abspielen;
    Hallo ich bin der Oliver und besitze die Genvariante DRD4, wer bist du schöne Fremde? Oohh Hallo ich bin die Milena und besitze diese Variante nicht!
    Wäre ganz witzig, oder? Aber was ist mit den Herren, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen und den „Genfehler“ verschweigen oder ihn absichtlich gar nicht wissen wollen? Dann, sind wir wieder gleich weit wie heute, na bravo. Es gibt Dinge die wollen wir einfach nicht wissen.
    Natürlich könnte Oliver auch Olivia sein und Milena Milan, da ja auch wir Frauen von dieser Genmutation befallen sein könnten…..

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