365 x 24

Ich habe das Gefühl, dass ich dieses Jahr – das in ein paar Stunden bereits der Vergangenheit angehört – ungewollt in einem Überschall-Flugzeug gesessen bin und es mich nun auf dem Schleudersitz Richtung Landebahn, sprich Jahresende, wieder ausspuckt. Es ist nicht so, dass ich Geschwindigkeit nicht mag. Das Gegenteil ist der Fall. Aber waren die Jahre früher nicht irgendwie länger? Oder war ich nur langsamer unterwegs? Das Phänomen der Zeit. Eine der vielzitierten Theorien, die ich nicht besonders mag, weil sie mir im Grunde genommen nämlich unterstellt, dass ich alt werde und mein Leben eintönig ist, besagt, je weniger Neues, Aufregendes und Aussergewöhnliches man erlebt, desto kürzer erscheint eine Zeitspanne im Rückblick. Wir erleben weniger „erste Male“ als in ganz jungen Jahren und meistern unseren Alltag routiniert und empfinden daher unsere Stunden im Rückblick eher als Minuten. Kinder erleben Tage wie Wochen, wenn sie einen bestimmten Tag herbeisehnen. Paradoxe Zeitwahrnehmung. Aber ich gewinne dieser Behauptung auch etwas Positives ab. Time flies when you are having fun oder nicht? Die düstersten Stunden fühlen sich erdrückend lang an. Wenn einem also ein Jahr nur so um die Ohren fliegt, ist es einem dann ganz gut ergangen oder packt man einfach zu viel in die 365 mal 24 Stunden, die ein Tag nun mal lang ist, hinein?

days so many days

365 Polaroids. poladarium.de

The end is nigh

Bei mir war beides der Fall und ich weiss, dass ich mich glücklich schätzen kann. Nicht jedes Jahr ist ein gutes Jahr.

Was waren eure schönsten Erlebnisse in diesem Jahr?

Welches eure traurigsten Momente?
2014 it was
Ich mag diese Zeit.
Die Jahresendstimmung. Die Rückblende auf die vergangenen Tage und die gefühlte Quersumme des Jahres. Ich schreibe mir Vorsätze auf, von denen ich nur die Hälfte beherzige, aber ich bin zumindest anfangs Jahr bemüht und motiviert an meinen Defiziten zu arbeiten und stelle mir vor, dass es Ende nächsten Jahres eine Version 2.o von mir gibt. Ein besserer Mensch zu werden wäre erstrebenswert, nur vergesse ich es im Alltag oft und bin mir nicht sicher, wie ich das anstellen soll. Wir spenden Ende Jahr, weil die meisten von uns mehr als genug zum Leben haben und zahlreiche Spendenaufrufe an unser Mitgefühl appellieren (und weil wir damit unser schlechtes Gewissen ein wenig beruhigen, da wir selbst auf Satin gebettet sind und Champagner schlürfen). Wir wünschen uns selbst von unseren Mitmenschen auch nichts sehnlicher als Empathie und eine Hand im Rücken, when the going gets tough. Ich bin sehr dankbar zu wissen, dass es immer jemanden gibt, der mir sagt, dass alles gut wird. Jemand der an mich glaubt oder mir ab und zu etwas in meinen Milchkasten legt. Es ist in Ordnung jetzt etwas sentimental zu werden, nicht? Ich denke an diesen Tagen nämlich an all die Menschen, denen ich begegnet bin und auch an diejenigen, die meinen Weg vermutlich nicht mehr kreuzen werden. Aber ich denke nichtsdestotrotz hin und wieder an sie und danke ihnen für die gemeinsame Etappe die wir zusammen gegangen sind. Stimmen und Lachen klingen nach und im Kopf besteht von jeder einzelnen Person ein eingefrorenes Bild. Eine unzerstörbare Momentaufnahme.

footsteps  trees  walking

Und ich freue mich auf ein Wiedersehen mit all den Menschen, die ich in diesem Jahr zu selten gesehen habe. Ich arbeite an der Entschleunigung, damit mich das Hamsterrad nicht wüst in eine Ecke katapultiert, wenn ich mir eine Auszeit nehme, sondern werde im neuen Jahr gut frisiert ganz elegant dem Rad entsteigen, bevor ich ins Flugzeug sitze oder bei euch auf Besuch bin.

Und euch allen, liebe Leserinnen und auch Lesern, danke für das Mitlesen, Kommentieren und Folgen meines noch jungen Blogs.

Ich wünsche euch viele erfreuliche „erste Male“, Aussergewöhnliches und Spektakuläres im 2015, damit sich das Jahr wieder etwas länger anfühlt. Und wann immer es geht, Blaupausen, Kunstpausen und in die Länge gezogene Kaffeepausen.

***

Je stiller wir sind, umso mehr hören wir.
Je langsamer wir leben, umso mehr Zeit haben wir.
Je mehr Liebe wir verschenken, umso reicher ist unser Herz.
Jochen Mariss

6 Gedanken zu “365 x 24

  1. Oh, jaaa, das wünsche ich dir auch. Ein schöner Artikel. Ich las und lese grad nicht so viel in andern Blogs, ferienbedingt, aber nun wollte ich doch gucken.
    Feine Gedanken und ja, ich komme gerne mit in dein neues Blogjahr. Und bin gespannt. Und will ebenfalls entschleunigen.
    Mal schauen, wies klappt.
    Am meisten wünsch ich mir für mich mehr Mut, besonders auch zum Unperfekten.
    Herzlich, Denise

    1. Ich freue mich sehr, wenn du mich weiterhin liest im 2015 und bin geehrt, dass du trotz Ferien hier reinschaust!
      Auf ein entschleunigtes und mutiges neues Jahr und Fehler, die sich im Nachhinein als Segen entpuppen und auf perfekte Imperfektionen. Guten Start und euch weiterhin eine schöne Reise in Frankreich. Herzlich, Filomena

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